Wie so viele Geschichten beginnt auch unsere heutige Geschichte mit "es war einmal". In diesem Falle ein Vogel namens Columbus. Er lebte alleine in einem Kaefig. Die Menschen, die ihn gekauft hatten, kuemmerten sich ueberhaupt nicht um ihn. Oft hatte er kein Futter, und Durst war sein taeglicher Begleiter. Eines Tages sagten die Menschen, sie wuerden eine Urlaubsreise antreten. Sie trugen ihn die Treppen hinunter, packten ihn in seinemKaefig in ein Auto und brachten ihn zu einer fremden Menschenfamilie. Seine alten Menschen sah er nie wieder. Von da an hatte er immer ein sauberes Bett, Koerner und Salat, und Wasser soviel er wollte.
Sein bester Freund sass hinter einem Spiegel, wie er es auch drehte und wendete, nie kam er aus seinem Versteck hervor. Und er sprach auch nicht mit Columbus, er sass nur da. Vielleicht, so die Vermutung, war sein Freund taub und er muesste nur lauter schreien, dann wuerde er ihn schon hoeren. Wie laut er auch rief, sein Freund hinter dem Spiegel blieb immer stumm.
Dafuer schienen die Menschen ihn zu hoeren. Besonders der, den sie alle Papa nannten, klang oft sehr entnervt, wenn er ihm ein "Columbus, sei ruhig, sonst dreh ich dir den Hals um" entgegenschmetterte. Aber er drehte ihm nie den Hals um, er deckte nur den Kaefig ab. Das war immer die schoenste Zeit fuer Columbus. Da konnte er still, ohne Angst vor Ueberfaellen von aussen, neben seinem Freund sitzen und einschlafen.
Auch das Katzenmonster, das sich manchmal miauend auf seinen Kaefig setzte, war sein Freund. Obwohl es eine andere Sprache sprach. Die Menschen jedoch waren seine Feinde. Die konnten seine Schutzmauer durchbrechen und streckten ihre langen Fuehler in den Kaefig. Nur ganz oben unter dem Kaefigdach war er sicher vor den Angriffen. Sie gaben ihm zwar Futter, aber das war nur, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Er zweifelte keinen Moment daran, dass er in groesster Gefahr schwebte.
Die Menschen liessen auch oft die Kaefigtuer auf. Sie versuchten, Columbus dazu zu bewegen, seine gewohnten Staebe zu verlassen und im Wohnzimmer umherzufliegen. Dann eines Tages, als sein Freund, die Katze, die ihn beschuetzen konnte, bei ihrem Fressnapf sass, wagte er den Sprung ins Ungewisse. Wie sein Namensvetter machte er sich auf Entdeckungsreise. Und er teilte das Brekkies-Mahl mit seinem Freund.
Endlich trennten die beiden kein stoerendes Gitter mehr. Nur das Fliegen machte ihm etwas Sorge. Er fand jedoch einen Gummibaum, auf dem er sich instinktiv wohlfuehlte. Er versuchte, auch seinen Freund hinter dem Spiegel zum Fliegen zu bewegen, aber der war ein echter Stubenhocker und blieb lieber daheim.
Manchmal nahmen ihn die Menschen mitsamt dem Kaefig nach draussen auf den Balkon. Dort konnte er sich die Sonne auf die Federn scheinen lassen und solche Ausfluege liessen ihn immer aufleben. Die Menschen taten wirklich alles, um falsche Zuneigung vorzutaeuschen. Bald wuerden sie ihr wahres Gesicht zeigen. Er hatte da so seine Erfahrungen.
An einem Nachmittag, als er auf seinem Gummibaumblatt im Wohnzimmer vor sich hinsang, bemerkte er einen Luftzug vom Fenster. Es war gekippt und der Vorhang hing davor, so dass die Menschen dies nicht gesehen hatten. Das war die Chance zur Flucht. Spaeter konnte er nicht mehr genau sagen, wie er es hinter den Vorhang und schliesslich nach draussen geschafft hatte. Er war wie in Trance, er kam gar nicht dazu, die neugewonnene Freiheit zu geniessen, denn das Fliegen war ganz schoen anstrengend.
Eine Strassenlaterne bot den rettenden Platz zum Ausruhen und seine Stimmgewalt erprobend rief er von dort aus lauthals seinen Freund, der auch heute im Kaefig zurueckgeblieben war. Als die Nacht hereinbrach, versuchte er wieder zu seinem Kaefig zurueckzufinden, doch alle Fenster sahen gleich aus und er wusste nicht, welches das richtige war. Er flog in die grobe Richtung, aus der er gekommen war und landete auf einem Balkon, den er nicht kannte. Wenig spaeter kam der Menschenpapa mit seinem Kaefig und seinem Freund im Spiegel und Columbus war zurueck von seiner grossen Entdeckungsreise.
Und das war die Geschichte unseres ersten und einzigen Vogels, den wir von Freunden erbten, die ihn nicht mehr haben wollten. Columbus war aeusserst verschreckt und konnte sich nie so richtig an uns gewoehnen. Und eigentlich war er eine Columbine, da sie auch (unbefruchtete) Eier legte und ausbruetete. Und von ihrem Fluchtversuch kam sie wirklich wieder zurueck, da sie auf einem Balkon von einem Bekannten landete, der sie an ihrem Schreien als unser Vogel identifizierte. Columbus war ein sehr lauter Vogel und ging uns allen ueber fast zehn Jahre auf die Nerven. Und ich sehe ihn noch immer auf dem Laternenpfosten sitzen und rufen was das Zeug haelt.